- Sehen, was da ist - Heidemarie Langer, M.A.

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Impulse einer biblischen Geschichte für geistlich Leitende
Artikel in: Deutsches Pfarrerblatt, Heft 7, Juli 2008, S.378-381

Wer sind wir als "Geistliche"? Was prägt unsere Identität in der Leitungs-verantwortung? Was bedeutet es, in den eigenen Aufgabenbereichen geistlich zu leiten? Nach Jahren äußerer Strukturveränderungen richtet sich das Augenmerk wieder mehr auf die Innenseite von Leitung. Heidemarie Langer berichtet von den Erfahrungen einer Konvents-Klausur, die sie zu diesen Fragen durchgeführt hat.

Seit vielen Jahren erkunde ich im Weg des Bibliodramas und der Meditation mit unter-schiedlichsten Menschen und Gruppen Weisungen biblischer Geschichten für unser Leben. Dabei sind mir Geschichten aufgefallen, deren Hinweise ich für heutige Fragen in geistlicher Identität und geistlichem Leiten sehr kostbar finde. Diese Geschichten sind der Leitfaden in meinen Gestaltungen für PastorInnen, Pfarrkonvente, Kirchenvorstände und diakonisch Ver-antwortliche. Als Anregung möchte ich ein Beispiel aus diesen Arbeiten beschreiben.

Wider das Ausbrennen - geistlich leiten
So nannten wir das Thema für eine Konvent-Klausur. Die Verantwortlichen hatten für drei Tage einen Ort gewählt, der Erholung für Körper und Seele versprach. Als die PastorInnen zusammenkamen, die sich von Thema und Ort angesprochen fühlten, wurde deutlich: überhaupt erst einmal Ankommen ist angesagt, Entspannung, wenig Impulse, gut strukturierte Zeit.
Nach kurzer Begrüßung und Vorstellung fanden sich die Geistlichen je zu zweit, um sich eine halbe Stunde im Freien gegenseitig zu erzählen, was sie derzeit bewegt - dies selbstverständlich mit dem Versprechen, das Erzählte hernach nicht im Plenum zu berichten. Bei der späteren Frage, wie sie jetzt da seien, und was ihnen das miteinander Gehen, Reden und Hören bedeutet habe, stellte sich heraus, dass es für viele ein Impuls gewesen war, den sie gebraucht hatten. "Ich konnte etwas loswerden von dem, was mich im Moment belastet." "Das Gehen ließ mich frei aussprechen, was mich bewegt." "Im Erzählen kamen noch wieder ganz andere Gedanken." "Im Erzählen haben wir zueinander gefunden."

"Und die Apostel kamen wieder bei Jesus zusammen und erzählten ihm alles, was sie gelehrt und getan hatten."(Mk. 6,30)
Dies ist der erste Satz der biblischen Geschichte, die ich mit den Geistlichen über die Tage gestalten wollte. Es ist die Geschichte von der Speisung der Fünftausend. Sie beginnt mit dem Zusammenkommen und Erzählen in communio. Als ich den Satz vorlas - ich hatte dem Konvent noch nicht "verraten", mit welcher Geschichte wir arbeiten würden - waren etliche nicht wenig verwundert: "Die haben das damals genauso gebraucht wie wir: von der Arbeit zurückkommen, zusammenkommen, sich erzählen."
Erzählen ist etwas anderes als Berichten. Erzählen braucht Zeit, Ruhe, Vertrauen, Sammlung, ein offenes Ohr, Interesse. "Wann nehmen wir uns sonst diese Zeit?" "Für andere schon, doch für uns selbst?"
Manche PastorInnen sagten, dass sie nach einer solchen Zeit gehungert hätten.

"Und sie kamen wieder bei Jesus zusammen."
"Gab es einen Moment beim Erzählen oder beim Erinnern, wo Sie den Geist Jesu erlebt haben, den Geist Gottes, das Heilige?" fragte ich und bat die Menschen, wie eben zu zweit zusammenzukommen und miteinander zu sprechen.
Sie waren still, und ich hielt ein wenig den Atem an. War meine Frage nach der Immanenz des Göttlichen zu intim - und Antwort überhaupt möglich? Konnten sie die Frage von mir annehmen, wo wir uns doch kaum kannten?
Dann hörte ich sie sprechen. Erst leise, wenig, dann immer deutlicher.
Als ich später die PastorInnen im Plenum fragte, wie sie jetzt mit ihrem Erleben den ersten Satz der Geschichte verstehen und deuten, sagten sie: "Der Vers vom Zusammenkommen bei Jesus ist eigentlich ein Doppeltes: er meint die Versammlung der Gemeinschaft, das Wir, und das eigene innere Zusammenkommen, wenn ich Gottes Geist begegne." "Der erste Satz ist eine Speisung für die Jünger."
Nach dem Gespräch haben wir im Plenum gesungen und die Stille in der Resonanz gehört.

Nachgedanken zu diesen Erfahrungen:
Es ist mir wichtig, uns im Wahrnehmen des Geistes und Geistlichen zu fördern: mitten im Alltäglichen, mitten im Erzählen, was einen bewegt, mitten darin den Geist Gottes zu merken. Mitten unter uns, mitten in uns.
Ich ahne, dass dieses Wahrnehmen wesentlich zu geistlicher Identität beiträgt, und dass ein Fördern dieser Wahrnehmung die je eigene Begabung darin aufweckt.
Um dieses anzuregen und anzuleiten brauche ich Vertrauen in Gottes Geist und in die Menschen, mit denen ich gerade zusammen bin; und auch Mut, denn ich komme nicht aus einer religiösen Kultur, die für das Innigste öffentliche Sprache kennt.

"Kommet ihr abseits an einen öden Ort und ruhet ein wenig."
So die Worte Jesu, nachdem die Apostel erzählt hatten, was sie gelehrt und getan hatten. Ich deute sie so: Sie sind Speise für unseren Hunger, zur Ruhe zu kommen, in Ruhe gelassen zu werden, für sich sein zu können, schlichtweg einfach da sein zu dürfen. Damit mein Verstand und meine Seele das Erlebte und Erzählte verarbeiten können, ist Ruhen nötig, die Kraft in der Ruhe selbst. Ruhen vertieft.
Es ist wie beim Zubereiten eines Brotes. Wenn wir die Zutaten gut vermischt und bestens geknetet haben, ist es wichtig, dass der Teig zugedeckt wird und an einem besonderen Ort ruhen darf. Sonst geht er nicht auf. Von innen her, aus innerer Kraft heraus geht er von selbst auf. Das ist das Geheimnis in der Ruhe. Verarbeitende Kraft, innere Tiefe und neue Kreativi-tät entstehen in ihr.

"Ruhet ein wenig!"
Als wir zu dieser Weisung Jesu im Plenum sprachen, meinten die Geistlichen, es sei ein er-freulicher Impuls, ein wahrer Segen, den sie sich im Alltag kaum gönnen würden. "Wie ein kleiner Schabbat."
"Wie wollen wir ihn hier gestalten?"
Es brauchte eine Weile, bis jeder im Sitzen oder Liegen eine Körperhaltung gefunden hatte, um sich entspannen zu können, durchzuatmen und sich ruhen zu lassen. Dann ließen wir uns auf die Stille ein.

"Denn es waren viele, die ab und zu gingen, und sie hatten nicht einmal Zeit zu essen."
Unsere Zeit war da, zum Abendessen zu gehen.

"Und sie fuhren mit dem Schiff abseits an einen öden Ort."
Nach dem Essen haben wir noch etwas gesungen, dann war der Abend frei.

Zweiter Tag vormittags:

Wie beginnen wir diesen Tag? In der Perikope steht:

"Und man sah sie wegfahren und viele merkten es; und sie liefen zu Fuss aus allen Städten dort zusammen und kamen ihnen zuvor."
Das haben wir in unserer Weise auch getan. Wir gingen nach draußen, liefen, und die, die Lust hatten, rannten um die Wette. "Was kann es heißen, auf ein Ziel hin zu laufen oder wie im Text: zu Jesus hin?" fragte ich "wie beiläufig" auf dem Weg.
Als wir wieder im Seminarraum zusammen kamen, legten manche etwas in die Mitte, das sie am Weg gefunden hatten. So gab es dort jetzt nicht nur Blumen und eine Kerze, sondern Steine, Gräser und Hölzer. Wir sangen ein Morgenlied und lasen dann den folgenden Text in mehreren Übersetzungen:

"Und als er ausstieg, sah er viel Volk, und er fühlte Erbarmen mit ihnen, denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben; und er fing an, sie vieles zu lehren."... "und er fing an, eine lange Rede zu halten."
Im Gespräch meinten die PastorInnen, dass es für die Jünger sicherlich enttäuschend gewesen sein muss, dass Jesus sie nun verlässt und sich für das Volk entscheidet. "Wie bei uns im Alltag, wenn wir mal Ruhe haben wollen und es an der Tür klingelt", sagten einige, während andere bemerkten, dass die Geschichte keinesfalls ihrem Alltag entspreche. "Uns läuft kein Volk nach - außer an Weihnachten." Wiederum andere in der Gruppe stöhnten bei der Vorstellung einer langen Rede: "Hoffentlich müssen wir die hier jetzt nicht halten."
Umgekehrt können wir die Geschichte auch so betrachten, dass die Apostel im Schiff weiteres Ausruhen bekommen. Statt selbst zu lehren, können sie ihrem Meister zuhören.
"Die Geschichte ist klug", sagte eine. "Wenn wir geruht haben, sind wir überhaupt erst wieder offen, Neues aufzunehmen oder neu zu hören." Welche Chance für uns heute: nur da sein - lang ruhen - und die Worte hören!
"Stellen Sie sich vor, Sie hören die Rede Jesu. Welche Worte des Christus Jesus hören Sie innerlich?" - so meine Frage.
Lang waren wir still. Manche saßen, manche gingen ruhig umher. Dann kamen wir um die Mitte im Raum stehend zusammen. "Welche Worte Jesu erinnern Sie?" fragte ich in die Runde. Achtsam sprachen die TeilnehmerInnen Sätze, Worte aus den Schriften und Liedern. Nach einer Weile war es so, als würden allen immer mehr Worte Jesu einfallen. Immer rascher folgten die Beiträge aufeinander. Immer deutlicher antworteten die Einzelnen mit ihren Erinne-rungsworten auf vorher geäußerte Sätze.
Angeregt, lebendig und wie voller Staunen an der Fülle - so empfand ich die Atmosphäre. Mittendrin kam es mir im Zuhören so vor, als ob die Geschichte von der Vermehrung der Speise im Miteinanderteilen, Mitteilen hier nun unter uns durch die Worte geschah. Oder ereignete sich ein lebendiges Abbild der langen Rede Jesu - nun durch uns?
Ich entschied mich, diesen Gedanken nicht weiter nachzugehen und den PastorInnen zu ermöglichen, nach der Fülle im Plenum nun Resonanz in sich selbst zu finden.
"Wählen Sie eines, das Ihnen im Hören nahe gekommen ist, ein Wort Jesu, einen Satz, den Sie jetzt aufgenommen haben, vielleicht neu gehört haben und lassen Sie es in Ihnen auswirken."
Fast den ganzen Vormittag über bewegte jeder seinen Satz, sein Wort Jesu, das ihm nahe war. Dabei behielt ein jeder den Wortlaut zunächst für sich. Was geschah da?
Wir übten, "im Wort zu sein", mit dem Wort zusammen zu atmen, im Wort zu gehen. "Stellen Sie sich vor, dass Ihr Wort auf dem Weg ist, auf dem Sie gehen. Wie gehen Sie?" - "Dein Wort ist meines Fußes Leuchte, sagt ein Psalm." - "Wie stehen Sie im Wort, wenn Sie sich vorstellen, dass es unter Ihren Füssen ist?" - "Was heißt es für Sie, für dieses Wort einzustehen?" Das waren einige Anregungen, um das eigene Wort mit Körper, Seele und Geist wahrzunehmen und zu entdecken, für welchen Weg man selbst begabt ist, "im Wort zu sein."
Später gingen die PastorInnen dann wiederum je zu zweit im Freien und erzählten einander, was ihnen das Wort bedeutet, dem sie begegnet waren. Sie schauten, was dieses Wort ihrem Leben und Beruf sagt. Das brauchte gute Zeit.

Vom Sinn dieser Übungen, "im Wort zu sein":
Geistliche haben ständig mit dem Wort Gottes zu tun. Vielleicht manchmal so oft und mit so vielen, dass sie nicht mehr aufnehmen und wahrnehmen können, welches Wort sie selbst trifft und meint. Da die PastorInnen soviel zu Senden haben, kann es hilfreich sein, hier in der Übung schlichtweg auf Empfang zu gehen und sich eine Weile auf dieses Eine einzulassen, das einem begegnet. So kann es wirken und Weisung und Kraft entfalten.
Es ist ein geistlicher Weg. Wenn man über längere Zeit in ein und demselben Satz und Wort steht und geht und atmet, entfaltet sich das einmal erinnerte Wort zum Leitwort, zum eigenen Hirtenwort. Über die Zeit können wir entwickeln, erleben und erkennen, wie uns dieses Wort im Alltag leitet - in verschiedenen beruflichen Situationen und in der Phase der Ruhe.
Was bedeuten diese Wahrnehmungs-Übungen "kirchengeschichtlich"? Ich kenne viele Menschen, die Sehnsucht nach ihrer Spiritualität haben, nach ihrer Begabung, das Göttlich-Geistige zu merken und zu leben. Sie gehen dorthin, wo sie dafür Anregung und Raum finden. Und es stimmt mich nachdenklich, wenn sie meinen, dafür nur außerhalb unserer christlichen Tradition und biblischen Lehre Wegbegleitung für ihre spirituelle Suche und Antwort zu finden.
In der Weise, wie wir als Leitende uns selbst in der Wahrnehmung des Geistlichen üben, wachsen wir daran, selbst authentisch da zu sein und andere zu begleiten und zu stärken.

Zwischenbilanz zur Arbeit mit der biblischen Geschichte:
Ich erlebe die Anfangssätze der Speisungsgeschichte in ihrer Grundbewegung für unser spirituelles Sein in Gemeinschaft und für uns allein als Weg weisend:
Erzählen und Gottes Geist im Erzählen und Erinnern Wahrnehmen (Spiritualität im Alltag), Lösen und Ruhen (Spiritualität in der Stille), Gottes Wort neu Aufnehmen: Hören, Bedenken, "Kauen", Verarbeiten, Wirken-Lassen, im Wort sein (Spiritualität im Wort).
Wie eine weite Atembewegung kommen mir die Grundbewegungen vor. Ebenso können diese ersten Bewegungen der Geschichte für unser öffentliches Leiten wegweisend sein, wenn wir die Weisheit ihrer Rhythmen vom Lösen, Ruhen und neuen Aufnehmen in unseren Aufgaben gestalten.

Zweiter Tag nachmittags:

Nach Lösen, Ruhen und neuem Aufnehmen sind die Jünger im Text anscheinend hellwach:

"Und als die Zeit schon sehr vorgerückt war, traten seine Jünger zu ihm und sagten: Der Ort ist öde und die Zeit schon sehr vorgerückt. Entlasse sie, damit sie in die Gehöfte und Dörfer ringsumher gehen und sich etwas zu essen kaufen."
"Im Grunde sind sie miteinander ein fantastisches Team. Jesus, der Meister, lehrt die Menschen, und die Jünger sehen, dass wir nicht vom Wort allein leben", meinten einige aus der Gruppe. "Für den Hunger im Bauch braucht es Brot, und die Jünger sehen klar, dass es dafür guter Organisation bedarf" - so andere. Umso erstaunlicher die Leitung und Anweisung Jesu:

"Gebt ihr ihnen zu essen!
Und sie sagten zu ihm: Sollen wir hingehen und für zweihundert Denare Brot kaufen und ihnen zu essen geben?
Er aber sagte zu ihnen: Wie viele Brote habt ihr? Geht hin, seht nach!"
Der Blick der Jünger dafür, was fehlt, wird durch den Blick Jesu umgelenkt. "Was halten Sie von diesem Perspektivenwechsel?"
Rasch entstanden Wortwechsel mit den Nachbarn; dann Aussagen im Plenum: "Wir sind doch eher wie die Jünger im Text gewohnt und geübt, zu sehen, was fehlt." - "Und das ist ein guter und wichtiger Blick. Ich finde, wir sollten noch klarer sehen und sagen, woran es bei uns in Kirche und Gesellschaft mangelt."
"Klar", meinte ein anderer, "doch manchmal sind wir so auf das Fehlende fixiert, dass wir regelrecht drin fest hängen und gelähmt sind."
"Sehen was da ist - Was bedeutet dieser entschiedene Leitungsimpuls Jesu?" fragte ich. "Man muss ihn wollen, sonst geht er nicht."
"Was alles ist da in meinem Leben? Was ist wertvoll, kostbar, wichtig in meinem Beruf?" - So der Impuls, den ich den Geistlichen vorschlug, um selbst zu sehen, was da ist. Um sich dies zu vergegenwärtigen, hatte jeder Zeit für eigenes Prüfen und Aufschreiben, selbstverständlich mit dem Versprechen, dass sie ihr beschriebenes Blatt niemandem zu zeigen hätten.
"Wann gönne ich es mir, mir klar zu machen, was alles an Wertvollem in meinen Arbeiten da ist? Es ist viel mehr da, als ich dachte." - "Es war gar nicht so leicht. Immerfort fiel mir ein, was alles nicht da ist; und auch, wo ich nicht genüge." Das waren einige Antworten, als wir im Plenum wieder zusammenkamen, und ich die Geistlichen fragte, was ihnen ihre Einzelarbeit bedeutet hat.
Zu zweit erzählten sie sich hernach davon, was ihnen im Beruf wichtig und wertvoll ist und wurden sich ihrer Prioritäten bewusst. Angeregtes Interesse schien im Raum zu sein, als die PastorInnen miteinander sprachen. Zudem wollten sie mehr Zeit für ihre Gespräche als gedacht und sagten später, dass es sie stabilisiere, ordne und kräftige, wenn sie sich im Gespräch kollegial prüften und neu bewusst würden, was ihnen im Beruf wesentlich ist.
"Wir polieren die Frage, wofür wir Geistliche sind."
Zeit und einander schützende Methoden braucht die Aufgabe, zu sehen, was da ist; ebenso die zusätzliche Frage: "Wofür sind Sie in Ihrem Beruf begabt, auch besonders begabt?"
Für diesen Impuls bat ich die PastorInnen, ihre bisherige Zweiergruppe zu verlassen, im Raum umherzugehen, sich zuerst einmal zu dehnen und zu strecken - und dann im Vorbeigehen "wie nebenbei" immer wieder einem neuen Partner, einer neue Kollegin eines zu „verraten“, wofür sie begabt sind. Diese Gestaltung löste bei etlichen sichtbar und hörbar Spielerisches aus, Lust, Lautstärke, gegenseitiges Schulterklopfen; bei anderen ruhige und eher scheue Begegnungen.
Als wir uns später darüber unterhielten, was ihnen das öffentliche Benennen ihrer Begabung bedeute, meinte einer: "Wann sagen wir uns schon, was wir tatsächlich können, ohne nicht gleich befürchten zu müssen, als Angeber da zu stehen." Gutes Gelächter war die Antwort. "Na ja" sagte ein anderer,"„so recht glaube ich selbst nicht dran, dass ich wirklich begabt bin; aber meiner Kollegin, der glaub ich’s schon!"

"Und als sie es erkundet hatten, sagten sie: Fünf, und zwei Fische.
Und er befahl ihnen, sich alle nach Tischgesellschaften ins grüne Gras lagern zu lassen. Und sie setzten sich zu hundert und zu fünfzig.
Da nahm er die fünf Brote und die zwei Fische, blickte zum Himmel auf, sprach das Dankgebet darüber."
Annehmen was da ist und darüber danken. "Was geschieht im Annehmen und Danken?"
Es war Zeit, den Tag zu beenden. Die Küche hatte uns ein besonderes Essen vorbereitet. Wir begannen mit Singen und Danken. Spürbar geschah „das Mahl“ unter uns, ohne dass wir die sonst dafür vertrauten Worte sprachen.

"Und er brach die Brote und gab sie den Jüngern, damit sie sie ihnen vorlegten."

Dritter Tag vormittags:

Nach Morgenliedern und einer Bitte um den Segen, lasen wir miteinander die gesamte Geschichte der Speisung in verschiedenen Übersetzungen. "Welche Aspekte der Geschichte kommen Ihnen heute entgegen?"
Im Gespräch sagten die Geistlichen, dass sie über die Leitungskraft Jesu staunen. "Er spricht mit solcher Entschiedenheit und Power." - "Und lässt keine Diskussion zu. In meiner Gemeinde dürfte ich mich so nicht verhalten."
Natürlich löste diese Bemerkung allgemeine Heiterkeit aus.
Eine Pastorin sagte, dass ihr die inhaltliche Führung von Jesus viel bedeute. "Er ermöglicht seinen Jüngern, das Wort Gottes neu zu hören und dann beruft er sie in ihr Vermögen und in ihre Begabung. Gesegnet, berufen und begabt - das schenkt er seinen Jüngern - und uns."
Andere wiesen darauf hin, dass ihnen die Gebärde Jesu wichtig sei, dass er annahm, was sie brachten und darüber dankte. "Und das über dem Wenigen!" - "Nach dem Danken brach er die Brote und gab sie den Jüngern. Das heißt doch, dass sie neu empfingen, was sie einmal eingebracht hatten. Sie sind mit einem Mal Beschenkte." - "Um dieses weiter zu geben - immer weiter."
"Wollen wir diese Bewegung hier für uns heute Morgen entdecken?"
Wir gingen im Raum umher und versuchten mit unseren Händen und Körpern ohne Worte, Bewegungen und Gesten, etwas zu bringen, gemeinsam etwas in die Mitte zu bringen; offene Hände, Gebärden des Dankens, des neuen Empfangens, des Annehmens des Geschenkten - und dieses einem anderen imaginär in die Hände legen. Annehmen, Danken und Geben.
Später gestalteten und wiederholten wir die Bewegungsfolge, indem wir dabei auch etwas sagten und einbrachten: ein Wort Jesu oder eine eigene Begabung oder etwas Wertvolles aus unserem Beruf. Es wurde eine Feier.
Im späteren Gespräch sagten die Geistlichen, dass sie erlebt hätten, dass Geben einen selbst bereichert und nicht nur die anderen. "Es wird mehr, wenn ich wirklich von mir gebe; es wird ein Wir, wenn der andere es annimmt." - "Es waren wie Kreise, die immer weiter werden im ständigen Annehmen und darüber Danken, Weitergeben, Annehmen."

"Und die zwei Fische teilte er unter alle. Und alle aßen und wurden satt."
Was könnte in unseren Aufgaben und Leitungen geschehen, wenn wir diese Bewegungen im Geist Jesu aufnehmen, annehmen und üben?
Die PastorInnen hatten absolut keine Lust, sich nun auf diese Fragen einzulassen. "Wir haben jetzt viel erlebt - und das braucht Ruhen lassen; das hab ich hier gestern gelernt." Klar, Pause!
Was da ist - ist für den Hunger der Menschen da. Das ist eine kostbare Aussage, die uns die Speisungsgeschichte schenkt. Aber niemand kann für den gesamten Hunger da sein. Für welchen bin ich da? Meine wesentlichen Leitungskriterien werden wach und bewusst, wenn ich mich dieser Frage stelle. "Für welchen Hunger der Menschen bin ich in meinem Aufgabenbereich gerufen, berufen, begabt und im Wort geleitet und gesegnet?"
Die PastorInnen bildeten kleine Gruppen; es war offensichtlich wichtig, dass sich für diese Frage Vertraute zusammenfanden.
"Körbeweise Brocken", sagte einer, als wir später im Plenum bei der Frage nach unseren Entscheidungen angelangt waren.
"Was lasse ich dafür los, wenn ich mich entscheide, damit ich mich nicht neu überfordere?" - "Wo grenze ich mich ab und wie? Wo sage ich nein, und wie sage ich es?" - "Wie erkläre ich meine Entscheidungen dem Gemeinderat?" - "Entschieden und empathisch leitet Jesus in unserer Geschichte. Wie kann ich in meiner Leitung auch nur annähernd nachfolgen?"
"Körbeweise Brocken", sagten auch andere. "Wie gehen wir mit dem vielen Hunger um, den wir täglich sehen und dem wir nicht begegnen können, aber eben auch nicht entgehen können?" - "Die Bilder hungernder Menschen ergreifen mich." - "Soviel ist da, es reicht und es reicht eben doch nicht. Das zerreißt mich manchmal."
Die Stimmung in der Gruppe zeigte deutlich, dass hier nicht nur ein Einzelner sprach.
"Befinden wir uns jetzt neu bei den Jüngern in der Geschichte, die den Hunger der vielen Tausenden sehen?" fragte ich.
"Was ist das schon, was da ist, bei soviel Hunger? Das ist die Textstelle, die mir einfällt", sagte einer. "Heutzutage sehen wir ja noch viel mehr Not als die Jünger damals. Wir kommen aus dem Dilemma nicht heraus, dass wir zu wenig haben für das, was wir an Hunger sehen. Das macht einen fertig."
"Und dann dreht sich die Geschichte", sagte eine, "wenn Jesus dazu aufruft, zu sehen, was da ist - und sie dem folgen. Dann dreht sich die Geschichte. Sie erkunden und bringen Brote - und er nimmt die Brote an und spricht darüber das Dankgebet. Ich finde die Gebärde Jesu einfach unglaublich, auch für uns." - "Und ich merke, wie schwer ich es damit habe anzunehmen, was da ist, wenn ich soviel Not sehe."

"Und sie hoben an Brocken zwölf Körbe voll auf, dazu auch von den Fischen."
Ich sagte: "Wir wissen nicht, wie es damals für die Jünger war, als sie die Brocken aufhoben. Für uns hier stellt sich das Ende der Geschichte so dar, dass die Brocken, die wir heben, drän-gende Fragen sind, die uns zu kauen aufgeben."
"Das ist auch Speise", sagte eine Pastorin.
Es war Zeit, zum Mittagessen zu gehen und damit unsere Tagung zu beenden. Ich bat die Geistlichen, für die Schlussrunde aufzustehen. "Wir haben zwei Hände. Wenn Sie beide öffnen und nun imaginär in die eine Hand hinein legen, was für Sie in diesen Tagen nährend war - was da ist - und in die andere Hand imaginär Ihre Brocken-Frage legen - woran Sie kauen, was nicht oder noch nicht da ist - wie sind Sie jetzt mit beidem da?"
Wir waren still und spürbar jeder bei sich.
Wir gingen zum Essen.
Wir sangen: "Aller Augen warten auf dich, Herr."

Artikel in: Deutsches Pfarrerblatt, Heft 7, Juli 2008, S.378-381

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